Jerusalem

Jerusalem

Samstag, 18. November 2017

Mit Hans Raimund zu Virgilio Giotti und den Quellen der Begeisterung


Zu den erfreulichsten Ereignissen während meiner zehnjährigen Rezensionstätigkeit für die Jüdische Zeitung, die Jüdische Rundschau sowie zuletzt im Rahmen meines Blogs gehörten jene seltenen, überraschenden Gelegenheiten, wenn mir bis dahin völlig fremde Menschen unverhofft Kontakt mit mir aufnahmen, um sich ganz uneigennützig dafür zu bedanken, dass ich das von ihnen verfasste, übersetzte, verlegte oder betreute Werk ihrer Meinung nach besonders treffend charakterisiert, beschrieben bzw. entsprechend gewürdigt hatte. 

Da ich bis auf wenige Ausnahmen, in denen mir von Redaktionsseite her aus den unterschiedlichsten Gründen bestimmte Bücher vorgegeben wurden, immer nur jene Werke besprochen habe, die ich für besonders lesenswert hielt, kam zu der grundsätzlichen Ur-Freude, die ich ohnehin beim Lesen, Analysieren und Besprechen empfunden habe, eine mir bis dahin unbekannte, noch umfassendere Freude, die man etwas unbeholfen, aber durchaus zutreffend „Freude auf der ganzen Linie“ nennen könnte – oder wie es die große Fotokünstlerin Annie Leibovitz einmal ausdrückte: „I like to like people“. Hier aber eher: die Freude zweier Menschen über ein bestimmtes Werk, über dessen Kern sie einander begegnen können.

Zu den nachhaltigsten und erfreulichsten Kontakten dieser Art zählt ohne Zweifel der regelmäßige Austausch mit Professor Hans Raimund aus Wien/Hochstraß. Im Jahr 2013 begegnete mir in der Vorschau des Klagenfurter Drava-Verlags ein unscheinbares Buch eines mir bis dahin vollkommen unbekannten Autors namens Virgilio Giotti (1885-1957): „Pice note, mie note/Kleine Töne,meine Töne“ so der zweisprachige Titel in Triestiner Italienisch und deutscher Übersetzung. Ton und Themenkreis des in der Vorschau abgedruckten Gedichtbeispiels trafen mich gewissermaßen „direkt ins Herz“ und die Lektüre des umgehend angeforderten Presseexemplars bestätigten meinen Eindruck auf kaum für möglich gehaltene, umfassende und wunderbare Art und Weise. 




Kurze Zeit nach meiner begeisterten Rezension, in der ich festgestellt hatte, dass es hier einen zu Unrecht übersehenen und vergessenen Autor von unvergänglicher Universalität wiederzuentdecken gilt, meldete sich der kongeniale Übersetzer, Professor Hans Raimund, bei mir, um mir für die wohlwollende Besprechung zu danken und mir die komplizierte und von zahlreichen Frustrationen gekennzeichnete Editionsgeschichte des mir lieb gewonnenen kleinen Bandes zu erzählen, die ohne seinen jahrzehntelangen persönlichen Einsatz (auch seinen finanziellen), vor allem aber ohne seine genuine, nachhaltige Begeisterung für Virgilio Giotti und dessen unverkennbare eigenständige Poetologie niemals möglich gewesen wäre.  

Diese spannend-komplizierte, mir ja in Grundzügen bereits bekannte Editionsgeschichte erzählte Professor Hans Raimund im vergangenen Spätsommer erneut in einem Gedenkvortrag anlässlich des 60. Todestags Virgilio Giottis im Circolo della Stampa von Triest. Ich bin dem Übersetzer, Autor und Menschen Hans Raimund, der ja selbst auch ein virtuoser Lyriker ist, ausgesprochen dankbar, dass ich seinen Vortrag in italienischer und deutscher Sprache an dieser Stelle wiedergeben darf, weil er meiner Meinung nach sehr exemplarisch deutlich macht, mit welchen Freuden und Frustrationen es der Literaturschaffende innerhalb seines kreativen Prozesses zu tun hat, insbesondere aber auch im Verlauf des steinigen Wegs zur Veröffentlichung. In dieser Hinsicht lassen sich die Verdienste Professor Hans Raimunds für das Werk Virgilio Giottis kaum hoch genug bewerten! 

Hans Raimund: Traducendo e pubblicando Virgilio Giotti


Im Jahr 2013 erschien im Verlag Drava das Buch KLEINE TÖNE, MEINE TÖNE//PICE NOTE, MIE NOTE von Virgilio Giotti: ausgewählte Gedichte (zweisprachig) und das Tagebuch „Unnötige Notizen“. Die Übersetzung „aus dem Triestiner Italienisch ins Deutsche“ war von mir, wie auch das Vorwort.
   
Die Geschichte dieser Veröffentlichung ist sehr lang: zum einen ist sie die schöne Geschichte einer sich jahrzehntelang durch nichts beirren lassenden Zuneigung des Übersetzers zu den Gedichten und der Person des Triestiner Autors Giotti, zum andern aber auch die nicht so schöne Geschichte eines Projekts der Veröffentlichung von Lyrik in Übersetzung im Literaturbetrieb von heute.

Virgilio Giotti

 

Die schöne Geschichte


1984 übersiedelte ich mit meiner Familie nach Duino, wo Franziska, meine Frau, eine Stelle als Lehrerin für Deutsch und Französisch am United World College of the Adriatic angenommen hatte. Das ermöglichte mir die Verwirklichung eines lang gehegten Traums: den der Existenz eines „freien“ Autors und Übersetzers – noch dazu in Triest, in Italien! Ich hatte bis dahin ein paar dünne Prosa- und Gedichtbände veröffentlicht, hatte einiges aus dem Englischen und Französischen übersetzt und, mit einiger Kühnheit, sogar aus dem Italienischen, u.a.Texte von Sandro Penna und Primo Levi, ganz ohne Kenntnisse der italienischen Sprache, aber im - trügerischen - Vertrauen auf meine Schul-Kenntnisse des Lateinischen und Französischen – vor allem aber im Vertrauen auf die exzellenten Italienischkenntnisse meiner Frau…

In Duino hatte ich erstmals Gelegenheit, mich ganz dem Schreiben zu widmen: d.h. dem Verfassen eigener Texte und dem Übersetzen der Texte anderer Autoren. Damals begann ich auch – ich war schon 40 Jahre alt! –Italienisch zu lernen. Mein Lehrer war Augusto Debove, der am UWC Italienisch unterrichtete. Er lernte im Austausch bei mir Deutsch, und er war es dann auch, der später die meisten Übersetzungen meiner Texte ins Italienische anfertigte.

Im UWC in Duino traf ich auch mit dem Holländer Jan Louter zusammen, der am College Holländisch unterrichtete und als Lektor an der Universität in Triest arbeitete. Er hatte Texte Giottis ins Holländische übersetzt. Er machte mich mit dem Werk Virgilio Giottis bekannt und empfahl mir, unbedingt Gedichte dieses damals mir völlig unbekannten Dichters ins Deutsche zu übersetzen. Als er nach Holland zurückkehrte, schenkte er mir das von ihm gesammelte Material zu Giotti, vor allem Zeitungsausschnitte, und ein von ihm selbst liebevoll collagiertes Büchlein aus Fotokopien von Gedichten Giottis, das die erste Grundlage meiner Beschäftigung mit Giotti war und das ich, es in Ehren haltend, bis heute besitze…


Duino/Foto: Tiesse/Wikimedia


In Anbetracht meiner damaligen Italienischkennnisse, vor allem aber auch in Anbetracht des eigenwilligen Idioms, dessen sich Giotti für seine Poesie bedient, war ich anfangs darauf angewiesen, dass ein „native speaker“ für mich die in Giottis sehr persönlichem „triestino“ geschriebenen Texte in ein Normal-Italienisch übersetzt. Viviana Pace, aus Triest gebürtig und auch eine Italienischlehrerin am UWC, transkribierte für mich ausgewählte Texte Giottis.

Meine ersten Lektüre-Kontakte mit den Gedichten Giottis waren von nichts als von vagen Ahnungen bestimmt: so wie ein Blinder ein Gegenüber, das er nicht sehen kann – ein Gesicht, einen Gegenstand etc -  mit den Fingern abtastet, um ein inneres Bild, eine Vorstellung davon zu gewinnen, so tastete ich die Texte Giottis ab, mühsam buchstabierend, laut lesend, immer wieder ratlos und meistens verzweifelt. Zugute kam mir bei dieser somnambulen Beschäftigung mit den Texten eine mehrere Jahrzehnte, zu Zeiten manisch ausgeübte Leseaktivität und - routine, die es mir ermöglichte, die Qualität eines Texts schon bei einem ersten Kontakt zu erahnen, zu erraten, zu spüren, instinktiv, aber doch präzise einzuschätzen – eine Fähigkeit, die ich auch in einer jahrzehntelangen Tätigkeit als Rezensent für österreichische Zeitungen und Zeitschriften üben hatte können.

Mir gefielen die Gedichte Giottis von Anfang an, auch ohne dass ich die Texte lexikalisch oder gar viel von ihrer Aussage verstand. Sie waren mir aber trotz ihrer Unzugänglichkeit, ihrer Unverständlichkeit überraschend nah, vertraut, sympathisch: ich empfand spontan Sympathie für das ICH, das ich hinter den Texten vermutete, und ich baute derart nach und nach eine Beziehung zu diesem erahnten ICH auf, die sich zu einer Art von Liebesbeziehung auswuchs: ja, ich war dem Autor und seinen Gedichten in Liebe zugetan.


Hans Raimund

 
Das entbehrte jedoch nicht einer gewissen Fatalität. Denn eigensinnig von Natur aus, befasste ich mich mehrere Jahrzehnte lesend und übersetzend mit den Texten, nicht ununterbrochen, doch immer wieder - aber stets wie unter Zwang. Bemerkenswert ist, dass mir allein die Texte genügten. Ich vermied instinktiv eine mögliche Klärung der zahllosen sprachlichen und inhaltlichen Verständnisprobleme durch Befragung der Sekundärliteratur oder durch biografisches Material, das es zu und über Giotti auch schon in den 80er-Jahren gab.

Mich derart intensiv mit den Texten befassend, gelang mir, glaube ich, das rare Erlebnis des Einsseins, ja der Identität des Lesenden mit dem gelesenen Text. Ich benötigte, ja ich WOLLTE keine biografischen Informationen, keine detaillierten Textinterpretationen, keine Geschichte der Literatur von Triest etc., also keines der gängigen Hilfsmittel, die einem angeblich das Erfassen eines Textes ermöglichen oder erleichtern.

Ich beschränkte mich bewusst auf das bloße Lesen der Texte – in der in der EDIZIONI LINT TRIESTE 1986 erschienenen Ausgabe der OPERE/Colore – Altre Poesie –Prose -; unabdingbar für das Verstehen war aber schon die kontinuierliche Verwendung von Gianni Piguentinis NUOVO DIZIONARIO DEL DIALETTO TRIESTINO, mit dessen Hilfe ich die mir nicht in ein Normal-Italienisch transkribiert vorliegenden Gedichte Wort für Wort ins Deutsche übersetzte.

(Ich bekenne hier: trotz der langjährigen Beschäftigung mit Giottis Gedichten kann ich heute TRIESTINO weder sprechen noch wirklich verstehen, wenn ich es gesprochen höre. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich den Klang von TRIESTINO, das ja zumindest die Grundlage für Giottis eigentümliches Poesie-Idiom ist, als angenehm wohlklingend oder gar sympathisch empfinde…)


Triest/Foto: Zinn/Wikimedia


Was war aber dann, nach Überwindung der anfänglichen  Sprach-  und Verständnisprobleme, ausschlaggebend für meine zu konstatierende „amour fou“ für Giotti und seine Verse? Ich bin kein professioneller Übersetzer. Ich bin ein Autor, vor allem Lyriker, der AUCH übersetzt. Ich habe bisher selten „auf Auftrag“ übersetzt. Zumeist wählte ich Autoren zum Übersetzen aus, deren Texte mich beim Lesen faszinierten, vor allem weil sie so anders schrieben als ich, aber nur um dann beim Übersetzen nach und nach und zu meiner Überraschung Gemeinsamkeiten zwischen ihren und meinen Vorstellungen, vom dem, was Literatur ist oder sein soll, herauszufinden.So erging es mir auch mit Giotti. Ich finde meine Vorstellungen von dem, was für mich ein „gutes“ Gedicht ist, in vielen seiner Texte exemplarisch verwirklicht.

In einem Nachwort zu einer bibliophilen Veröffentlichung einiger meiner Texte im Jahr 2011schreibe ich unter dem Titel: IN DIFESA DEL TUONO UMILE: Io non sono capace di leggere (tanto meno di scrivere!) poesie che abbiano come oggetto preminente la vita spirituale degli uomini, la religione, l’esoterismo, in breve tutto ciò che trascende la fisicità materiale. (…) L’equipaggiamento del mondo poetico che io preferisco é il semplicemente fisico, l’ordinario quotidiano – agli occhi di alcuni, banali – nel quale per me c’é cosí tanto di vulnerabile, e c’é abbastanza di meraviglioso. Semplicitá, misura, ripiegamento dell’ individuale ecc. sono proprietá del testo alle quali, credo, vale la pena di tendere – Ecco: eine Poetik „en miniature“, MEINE Poetik, in der aber, ohne dass es mir bewusst war, anscheinend die jahrelange Beschäftigung mit der Lyrik Giottis programmatisch zum Tragen kommt, indem Merkmale seiner Poesie, ohne dass ich es gemerkt hatte, auch nun die meiner Poesie sind…
  
Ein Text – und es ist nur einer von vielen - , in dem Giottis Poetik für mich beispielhaft deutlich wird, ist das große, ambitionierte Gedicht DIE ALTEN, DIE DEN TOD ERWARTEN: das poetische Material ist ausschließlich die Wirklichkeit, der banale Alltag von alten Männern in einer Stadt am Meer und in einem nahen Hinterland: der poetische Diskurs ist von großer Gelassenheit, bleibt zur Gänze im physischen Bereich des Alltags-Lebens, kommt ganz ohne Metaphern, ohne jeden Verweis auf Metaphysisches oder Religiöses aus und versteigt sich in keiner Zeile zum „hohen Ton“; ein diskret im Hintergrund bleibendes lyrisches Ich enthält sich konsequent jeder Weisheitsgebärde, jedes Verweises auf die Erkenntnis eventueller schicksalhafter Zusammenhänge, jeglichen autoritären Moralisierens – ein Diskurs, der überraschend jäh und offen endet – ergebnislos und sich jeglicher summierend tröstenden Abrundung enthaltend -  derart im Leser – zumindest in mir – trotz  des tristen Ernstes des Sujets eine fröhliche Traurigkeit - oder traurige Fröhlichkeit - hervorrufend, die in eine lakonische Melancholie mündet….   


Virgilio Giotti


Die nicht so schöne Geschichte


Um 2006 bereitete ich – nach über 20 Jahren Arbeit an der Übersetzung - eine für den etwaigen Druck fertige Computer-Datei vor, bestehend aus den Gedichten im Original, aus meinen Übersetzungen ins Deutsche und der deutschen Übersetzung des Tagebuchs  APPUNTI INUTILI. Und 2006 begann die  Suche nach einem Verlag dafür – die erst  2012 ein Ende fand.

Kein Verlag, weder in Österreich noch in Deutschland, erklärte sich bereit, die Gedichte eines im deutschsprachigen Raum völlig unbekannten, schon toten Dichters aus dem Ausland in der Version eines unbekannten Übersetzers in sein Programm aufzunehmen, d.h. die Übersetzung zu honorieren, die Rechte für den Abdruck der Originale und die Übersetzungsrechte zu erwerben, die Kosten für die Produktion und die Öffentlichkeitsarbeit zu tragen etc. Nur der WIESER Verlag hatte sich sofort, allerdings chronisch vage wie immer, interessiert gezeigt und kündigte auch prompt von 2006 bis 2013 das Buch zwei Mal im Jahr in seinen Katalogen an.

2012 war ich mit meiner Geduld am Ende. Ich bot das druckfertige Material dem Drava Verlag an, von vornherein bereit, die Produktion des Buches selbst zu bezahlen. Ich WOLLTE – um jeden Preis! -, dass der Dichter Virgilio Giotti im deutschsprachigen Raum als ein bedeutender Autor zur Kenntnis genommen wird. Der Preis, den ich dafür bezahlte, war der Verzicht auf jegliches Honorar, auf jegliche Beteiligung am Ertrag der verkauften Exemplare und etwaiger Nebenrechte, und der Ankauf von 70 Exemplaren des gedruckten Werks zum Bruttoladenpreis von Euro 19,80.

Ich selbst habe seit Erscheinen des Buches zusätzlich ca. 100 Exemplare zum Autorenpreis angekauft und sie an Freunde, an für Lyrik Interessierte, vor allem aber auch an etwaige Multiplikatoren wie Zeitungen, Literaturzeitschriften, Bibliotheken, literarische Institutionen im In- und Ausland geschickt…, d.h. ich finanzierte nicht nur die Produktion, sondern auch die Öffentlichkeitsarbeit für das Buch.


Rilke-Pad, Duino/Foto: Tiesse/Wikimedia


Die Rezeption von "Kleine Töne, meine Töne"


Auch das ist wieder eine zum Teil schöne, zum Teil weniger schöne Geschichte. Ich hatte seit 1991 regelmäßig Übersetzungen von Gedichten Giottis und einen Aufsatz über ihn mehr als 20 Mal in deutschsprachigen Tageszeitungen, Literaturzeitschriften und Anthologien publiziert, vor allem in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG, in DiePRESSE etc. Als das Buch KLEINE TÖNE, MEINE TÖNE 2013 endlich erschien, wurde es zu meiner Überraschung im deutschsprachigen Raum und in Italien von der Kritik und von einem an Lyrik interessierten Publikum doch positiv zur Kenntnis genommen.

Rezensionen des Buchs gab es u.a. in der Wiener Stadtzeitung AUGUSTIN, in der WIENER ZEITUNG, in der italienischen Zeitschrift POESIA, in Literatur-BLOGS im Internet, wie z.B. in PSYCHOSEMITISCHER BÜCHERBLOG, FRAU IM FRIAUL, im ONLINE MAGAZIN CULTMAG… Am 14. 7. 2013 wurde das Buch beim MITTELFEST in Cividale präsentiert. Am 14.9. 2013 wurden im Rahmen der Sendung NACHTBILDER- POESIE UND MUSIK in Radio Österreich1 Texte aus dem Buch gelesen. Am 4. 11. 2013 stellte ich das Buch in Wien in der ALTEN SCHMIEDE vor, im Rahmen einer „Stunde der literarischen Erleuchtung“, bei der Mara Quarantotto, die Urenkelin Giottis, die Texte im Original las…
  
Einige Gedichte in meiner Übersetzung fanden vor kurzem Verwendung in Maria Valentina Kravanjas umfangreicher Dissertation über „DIE MALEREI DER ZWISCHENKRIEGSZEIT IN TRIEST“, die 2016 im Verlag Leykam in Graz erschien. Angeregt durch Frau Kravanja, die, von der Familie her, eng verbunden mit Triest ist, schickte ich vor kurzem Exemplare des Buchs an eine stattliche Anzahl von Triestiner Institutionen und Kulturschaffenden. Ich erhielt bisher von NIEMANDEM eine Antwort. Das überrascht mich nicht, hatte ich doch schon bald nach Erscheinen des Buchs 2013 viele Exemplare an diverse, mir wichtig erscheinende Adressen in Triest geschickt – und wurde, mit Ausnahme von Prof. Claudio Magris, der das Buch und die Übersetzung lobte - wird er doch auf dem hinteren Umschlag zitiert - nicht einer (1) Antwort oder Reaktion gewürdigt. 

 
Antiquariat/Foto: Warburg/Wikipedia

 
In der Zeitung IL PICCOLO gab es dann doch einmal 2 knappe Besprechungen, in denen von einer Wiederentdeckung Giottis die Rede war im Zusammenhang mit den Übersetzungen ins Spanische und ins Deutsche. Eine liebevolle, detailliertere Besprechung erschien in der Zeitschrift PONTE ROSSO im April 2015 von Liliana Bamboschek, unter dem Titel „Leggere Giotti con gli altri occhi“…

Eine formelle Kenntnisnahme durch Triest, eine Präsentation oder eine Art von minimaler „promotion“ des Buchs durch die hiesigen Institutionen oder die „Literaturgewaltigen“ erfolgte bis  heute nicht. Das Buch ist bisher in keiner Buchhandlung in Triest lagernd oder gar ausgestellt gewesen, obwohl ich selbst Exemplare ausgeschickt habe, u.a. an die Buchhandlung MINERVA, an die Buchhandlung im Café SAN MARCO, an die Buchhandlung UMBERTO SABA etc…

Die eindruckvollste Manifestation des arroganten Desinteresses der Triestiner war aber mein Vorsprechen in dem schön altmodischen Antiquariat in der Altstadt von Triest, vor dessen Auslage mit Publikationen zu Triest ich seit jeher immer wieder fasziniert gestanden war. Meine Absicht war, dass es das Buch, meine(!) Übersetzung Giottis, in diesem Geschäft zu sehen, zu kaufen gab, „auf Lager war“.

Also suchte ich eines Tages das Geschäft auf, händigte „KLEINE TÖNE, MEINE TÖNE“, das Buch eifrig und aufgeregt anpreisend, mit klopfendem Herzen dem dort seit Jahren anwesenden, mir von Sehen her bekannten Verkäufer oder Besitzer aus, der mich allerdings höchst befremdet von Kopf bis Fuß maß und, das Bändchen mit Fingerspitzen widerwillig anfassend, ungehalten fragte: „Und was soll ich jetzt damit“? Mir war zum Weinen. Ich stammelte: „In die Auslage stellen…. oder wegschmeissen!“ Und mich auf dem Absatz umdrehend, verließ ich fluchtartig das Geschäft, auch in dem Bewusstsein, wieder einmal etwas „tipicamente triestino“ erlebt zu haben.


San Giovanni di Duino/Foto: Johann Jaritz/Wikimedia

Oft frage ich mich doch, warum ich mich jahrzehntelang – bis heute – für den Autor Virgilio Giotti, ohne Kosten und Mühen zu scheuen – bis zur bewussten Selbstschädigung (siehe oben) – ihm derart treu und solidarisch, eingesetzt habe. Ja, es ist schon so etwas wie eine „amour fou“ für den Dichter und den Menschen Giotti, der durch seine Texte und auch später dann durch seine Biografie für mich unerhört lebendig wurde: ja, es ist die Liebe zu dieser von so vielen Schicksalsschlägen getroffenen Person und zum Dichter, zu seiner Dichtkunst und Sprachkunst, die durch die Erfindung und Gestaltung eines eigenen künstlich kunstvollen, poetischen Idioms noch anziehender, reizvoller, herausfordernder wurde, das aber auch das Übersetzen von Lyrik noch problematischer macht, als es ohnehin schon ist
.
Wie ich im Vorwort des Buchs feststelle, verzichte ich wohlweislich darauf, für Giottis dialektales poetisches Idiom ein entsprechendes dialektales Idiom aus dem deutschen Sprachraum zu verwenden, allzu unterschiedlich sind die Mentalitäten, die in den Dialekten zum unverwechselbaren Klang werden. Ich fand mein Auslangen, nach einigen Versuchen mit dem Wiener Dialekt, mit der Verwendung eines zeitlosen umgangssprachlichen Idioms der deutschen Sprache.

Wenn mir derart ein „TON“ gelang, der ungefähr dem Ton des Originals nahe kommt oder zumindest als TON der deutschen Version „ins Ohr geht“, wohlklingend ist, dann bin ich schon froh. Im Vordergrund stand für mich, wie bei allen Übersetzungen von Poesie von mir, der Ratschlag des großen tschechischen Dichters Vladimir Holan, den er dem Übersetzer seiner Gedichte, Franz Wurm gab: „Seien Sie so wörtlich wie möglich und nehmen Sie sich jede Freiheit, die Sie brauchen, aber machen Sie daraus ein gutes deutsches Gedicht.“   

Vielleicht aber ist die Ursache für die „idée fixe“, zu der Giotti und sein Werk für mich im Laufe der Jahre wurde, schlicht und einfach das unbewußte Verlangen, durch den selbstlosen Dienst am Werk Giottis, d.h. durch das Übersetzen seiner Texte, mir endlich die Gunst und, wenn schon nicht die Anerkennung, so wenigstens die Kenntnisnahme dieser für mich unzugänglichen, seltsam abweisenden, so verletzend desinteressierten Stadt zu verschaffen, an deren Rand, in Duino, eben en marge, ich 13 Jahre – so gern! - gelebt habe.
  
Hochstrass, im August 2017

Sonntag, 11. September 2016

Die Burka als geistige Herausforderung

In seinem faszinierenden Bestseller „Der Tuareg“, einem der meistverkauften Romane der achtziger Jahre, beschrieb der spanische Journalist und Schriftsteller Alberto Vazquez Figueroa die fundamentale Tragik, die sich für die Lebensentwürfe des Einzelnen aus dem Zusammenprall der westlichen Weltanschauung mit traditionellen Lebensweisen zwangsläufig ergeben muss. Sein enigmatischer Protagonist, ein stolzer und mutiger Krieger aus dem rätselhaften Volk der Tuareg, das der Saharahitze jahrhundertelang erfolgreich getrotzt und unter den lebensfeindlichen Bedingungen der Wüste eine sehr charakteristische, nomadisch geprägte Lebensweise sowie vollkommen eigenständige Sitten und Moralvorstellungen entwickelt hat, wird nach dem von ihm selbst in der Weite der Wüste gänzlich unbemerkt vonstattengegangenen Rückzug der Franzosen unverhofft mit der Realität eines neugegründeten arabischen Nationalstaats konfrontiert, der wie selbstverständlich seine neugewonnene Unabhängigkeit im besten Willen auch auf die innerhalb seines Territoriums lebenden Mitglieder der Tuareg-Stämme ausdehnen will, um ihnen, wie er meint, die Segnungen des Fortschritts zu bringen.

Tuareg in Libyen/Foto: David Stanley

Der stolze Titelheld, ein zeitgemäßes Idealbild des „edlen Wilden“, wie ihn Autoren des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts immer wieder mehr oder weniger geglückt beschrieben haben, zeigt jedoch an der von den neuen Herrschern propagierten Ordnung keinerlei Interesse und möchte um jeden Preis an der von seinen Vorfahren überlieferten, den Lebensbedingungen in der Sahara perfekt angepassten Lebensweise und seiner umfassenden persönlichen und geistigen Freiheit, festhalten. Zu den Dingen, die seiner Kultur absolut heilig sind, gehört die bedingungslose Gastfreundschaft gegenüber Fremden, und so gewährt er eines Tages zwei abgekämpften, dem Verdursten nahen Reisenden Unterschlupf in seinem Zelt. Am nächsten Tag steht eine Militärkolonne vor seinem Lager und fordert die Auslieferung seiner beiden Gäste, zweier geflohener Gefangener, die sich als der vor kurzem mit Hilfe eines Militärputschs gestürzte, ehemalige Staatspräsident und einer seiner Vertrauten herausstellen.

Wie kannst du dein ganzes Leben davon abhängig machen, was dir andere befehlen?“, fragte er. „Wie kannst du dich als ein freier Mann fühlen, wenn du dich einem fremden Willen unterwirfst? Wenn sie zu dir sagen: 'Verfolge einen Unschuldigen!', dann verfolgst du ihn. Und wenn sie dir befehlen: 'Lass diesen Hauptmann in Ruhe, auch wenn er ein Mörder ist!', dann lässt du ihn in Ruhe. Ich verstehe dich nicht!“
Das Leben ist nicht so einfach, wie es hier in der Wüste aussieht.“
Warum bleibt ihr denn nicht weg mit eurer Lebensart? Hier wissen wir immer, was gut, schlecht, gerecht oder ungerecht ist“, sagte Gacel.

Als der Tuareg sich gemäß seiner Stammesethik weigert, seine beiden Gäste auszuliefern, werden diese auf Befehl des kommandierenden Offiziers kurzerhand mit Gewalt aus den Zelten gezerrt. Einer von ihnen, der jüngere, wird auf der Stelle erschossen, während man den ehemaligen Präsidenten erneut gefangen nimmt und in der Kolonne abtransportiert. Alberto Vazquez Figueroas Buch beschreibt die abenteuerliche Rache des Tuareg-Kriegers, die die willentliche, brutale Missachtung der Tuareg-Moralvorstellungen durch die neuen Herrscher unaufhaltsam heraufbeschworen hat und die mit Blutrache nur unzureichend beschrieben wäre. Nach einem nervenzehrenden Versteckspiel im unwirtlichen Territorium des Jägers, in dem der Tuareg seine schwer bewaffneten und motorisierten Feinde ein ums andere Mal düpiert, muss sich dieser zum Showdown schließlich in die Landeshauptstadt wagen. Zu seiner vertrauten Ethik gehört es, niemals seinen Gesichtsschleier abzulegen, denn sein Stolz verbietet es ihm, Fremden sein Gesicht zu zeigen.


Tuareg in Algerien/Foto: Akly

Im städtischen Umfeld erkennt er jedoch schnell, dass er hier auf seinen gewohnten Gesichtsschleier verzichten muss, um in der Menge nicht aufzufallen – nicht zuletzt ist sein Schleier das einzige Charakteristikum, das den nach ihm fahndenden Behörden bislang bekannt ist. Ohne seinen Schleier fühlt er sich jedoch vollkommen entblößt und angreifbar, und auch seine vertraute, traditionelle Ethik hilft ihm hier nicht weiter. Nachdem eine Polizeistreife ihn angeschossen hat, braucht er Wochen, um wieder zu Kräften zu kommen. Er ist bereits nahe daran aufzugeben und in seine Heimat zurückzukehren, da bietet sich ihm eine unverhoffte, von ihm als schicksalhaft erkannte Chance, seine als notwendig empfundene Vergeltung doch noch umsetzen. Sein tragisches, fundamentales Scheitern ist jedoch so umfassend und endgültig, dass es schließlich nur noch Verlierer gibt, nicht nur in individueller, sondern auch in kollektiver Hinsicht, denn beide Kulturen stehen am Ende ärmer da, weil sie nicht bereit waren, einander zu verstehen zu lernen.

Manchmal frage ich mich, wie wir zusammen in demselben Land leben können, wo uns doch so wenig verbindet.“ Als er fortfuhr klang es, als redete er mit sich selbst: „Das ist wohl ein Teil der Erbschaft, die uns die Franzosen hinterlassen haben. Sie haben willkürlich bestimmt, dass wir ein einziges Volk zu sein hätten. Jetzt, zwanzig Jahre danach, sitzen wir da und versuchen vergeblich, uns gegenseitig zu verstehen.“
Das wissen wir schon lange“, meinte Hassan-ben-Koufra mit müder Stimme. „Wir alle wissen seit langem Bescheid, aber niemand von uns kam auf den Gedanken, auf etwas zu verzichten, das uns nicht zustand. Niemand gab sich mit einem kleineren, stabileren Land zufrieden...“ Er öffnete und schloss mehrmals beide Hände, verzog dabei vor Schmerz das Gesicht. „Der Ehrgeiz machte uns blind. Wir wollten immer mehr Land, obwohl wir wussten, dass wir es nicht regieren konnten. So erklärt sich unsere Politik: Da wir es nicht schafften, die Beduinen zur Anpassung an unsere Lebensweise zu zwingen, mussten wir sie vernichten. Aber was hätten wir getan, wenn die Franzosen wenige Jahre zuvor angefangen hätten, uns auszurotten, weil wir uns weigerten, ihre Lebensform zu übernehmen?“

Die sogenannte Burka-Debatte, ein klassisches Scheingefecht populistischer kultureller Hegemonie, ist ein so dankbares Thema für unsere Gesellschaft in ihrem aktuellen Stadium, zu dem offenbar jeder etwas beizutragen weiß, ob AfDler, Feministin oder „normaler“ Bürger, weil sie unser Selbstverständnis anzugreifen scheint, dass nur ein Mensch, der möglichst alles von sich zeigt, ein vollständiger, „guter“ Mensch sein kann. In unserer blinden Wut, sogar mittels Tattoos oder Piercings selbst jenes als Schrammen unserer Seelen für jedermann sichtbar nach außen zu kehren, was die natürliche Oberfläche normalerweise verbirgt, scheint es vollkommen undenkbar, dass es Menschen geben könnte, die aus freiem Willen in der Öffentlichkeit eine Vollverschleierung anzulegen bereit sind und sich auch sonst lieber ins Private zurückziehen, aus welchen Gründen auch immer. Plötzlich gibt es Menschen in unserer Mitte, die dadurch auffallen, dass sie nicht „alles“ zeigen, sondern es vor unseren gelangweilten Blicken verbergen. Dies wird offensichtlich unbewusst als Vorwurf empfunden. Könnte es gar bedeuten, dass wir nicht alle gleich sind? Wollen sich die Burkaträgerinnen von „uns anderen“ abheben, möglicherweise sogar bewusst?

Orthodoxe Juden in Wien, 1915/Foto: Wikimedia

Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts gab es kaum etwas Schlimmeres für den aufgeklärten Westeuropäer, als die osteuropäischen Chassidim mit ihren schwarzen Gewändern, merkwürdigen Pelzhüten und langen Bärten, die ein ärmliches, rückständig scheinendes, vermeintlich arbeitsscheues Leben in den Vorstädten führten. Diese wurden zum großen Teil selbst von den gut integrierten Juden als weltanschauliche Bedrohung empfunden, denn sie sahen nicht nur „anders“ aus, sondern waren auch in ihren Verhaltensweisen und ethischen Überzeugungen „anders“. Sie lehnten die weltlichen Anschauungen ihrer Aufenthaltsländer ab, sondern wollten lediglich von den stabilen politischen Verhältnissen profitieren, hier in Frieden und ohne Verfolgung leben zu können. Ein halbes Jahrhundert später, war diese Kultur von den Nationalsozialisten und ihren Helfern europaweit nahezu vollkommen vernichtet worden. Die rein gefühlsmäßige Ablehnung der Burka als Ausdruck der Angst vor dem Fremden ist mit der historischen Ablehnung der „Ostjuden“ durchaus vergleichbar.

Ich bin ein Targi, kein Dummkopf! Der Unterschied zwischen uns und euch besteht darin, dass wir Tuareg eure Welt zwar aus der Nähe betrachten, uns aber von ihr abwenden, sobald wir sie verstanden haben. Ihr hingegen nähert euch unserer Welt nicht und versteht sie darum auch nicht. Aus diesem Grund werden wir euch immer überlegen sein!

Im Bestreben, ein rationales Ventil für die instinktive Ablehnung der Burka zu finden, wird naturgemäß philosophisch tief geschürft, denn eine rein affektive Ablehnung wäre laut unserer Weltanschauung inakzeptabel. Die Burka wird hierzulande vorwiegend als Instrument männlicher Unterdrückung interpretiert, was sie in vielen Fällen zweifellos auch ist. Sie wird als Symbol des politischen Islam, gar als islamistische Provokation gedeutet. Das mag sie in manchen Fällen auch sein, aber das heißt nicht, dass sie „weg“ muss. Es passt nicht zu einer pluralistischen Gesellschaft, etwas abzulehnen oder gar zur verbieten, nur weil es „anders aussieht“ als „wir“. Die Herausforderung, der wir uns stellen müssen, ist den Anblick einer vollverschleierten Frau in der Öffentlichkeit nicht nur zuzulassen, sondern auch verstehen zu wollen, warum sie das tut. Einer Gesellschaft, die gelernt hat, öffentlich zur Schau gestellten Ganzkörpertattoos gegenüber indifferent zu sein, sollte das nicht schwerfallen. Wer die Burka verbieten will, weil darunter Bomben versteckt werden könnten, sollte auch Kinderwagen und Daunenjacken verbieten – ein sachliches Argument dafür wird sich sicher finden lassen. Sicher ist sicher.

Samstag, 4. Juni 2016

„Pfingstrosenrot“ von Christian Schünemann & Jelena Volić

Wie sehr ein homogen scheinendes Staatsgebilde im ungebremsten Streben nach einer einheitlichen nationalen Identität zerfallen kann, zeigt das Beispiel Jugoslawiens und seiner Nachfolgestaaten auf ebenso aufschlussreiche wie verstörende Art und Weise. War der im Jahr 1918 neugegründete Staat Jugoslawien von Anfang an eine anspruchsvolle politische Gratwanderung zwischen den höchst verschiedenartigen Interessen seiner einzelnen Teilrepubliken, kam es nach dem Fall des Kommunismus zu einer umfassenden kriegerischen Selbstzerfleischung, deren vorläufige Klimax ohne Zweifel die Abspaltung des Kosovo von Serbien darstellt. Dabei ist das Streben nach nationaler Eigenständigkeit der betreffenden Staaten ohne deren geschichtlichen Hintergrund als unmittelbar von einer Zentralmacht abhängige und/oder tributpflichtige Vasallenstaaten am Schnittpunkt der Machtinteressen von Osmanischem und Habsburgerreich für den neutralen Beobachter kaum annähernd verständlich: es verkörpert die verständliche Sehnsucht nach Selbstbestimmung und Eigenständigkeit, die über einen Zeitraum von mehr als fünfhundert Jahren in dieser Region kaum existiert hatte.

Wirtschaftlich hat seither vor allem Kroatien mit seinen malerischen, touristisch attraktiven Küstenregionen von seiner neugewonnenen nationalen Eigenständigkeit profitiert, während Montenegro als vielversprechender Geheimtipp zunehmend an Boden gewinnt. Insgesamt aber haben die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Staaten Ex-Jugoslawiens ihrem jeweiligen Außenbild im Westen nachhaltig geschadet. Insbesondere die florierende serbische Metropole Belgrad, die von Kennern immer wieder für ihre (teils morbide) Schönheit, ihr reiches Nachtleben und die weltoffene Lebenslust ihrer Bevölkerung gepriesen wird, ist hierzulande bislang nur schwer als reizvolles neues Reiseziel zu vermitteln – zu schwer wiegen offenbar die alten, von statistischen Untersuchungen immer wieder bestätigten traditionellen Vorurteile gegenüber der Bevölkerung des Balkan, die von den kriegerischen Konflikten der 1990er Jahre eher noch weiter verstärkt, wenigstens aber bestätigt worden zu sein scheinen.

Während sich Lydia auf die Suche nach ihrer Bekannten machte, trat Milena näher an das Foto heran. Hinter den Blumen war eine Ebene zu erkennen, wahrscheinlich das Amselfeld, und bewaldete Hänge, wie sie typisch waren für das Kosovo. Auf dem Amselfeld hatten die Serben vor mehr als sechshundert Jahren die Schlacht gegen die Türken verloren, eine Niederlage, die bis heute gefeiert und in alten Volksliedern besungen wurde. Bis dahin waren im Kosovo der Sitz der serbisch-orthodoxen Kirche und das politische Zentrum gewesen, daher sprach man vom Kosovo auch als der „Wiege der serbischen Kultur“. Verheerend war, dass die Albander genauso dachten, was ihre Identität und Kultur betraf, und sich als Abkömmlinge der alten Illyrer bezeichneten, der Ureinwohner dieser Region. Ein kleines Stück Land, kleiner als das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein, war mit so viel Geschichte und Mythen beladen, und eine davon besagte, dass nur hier die Pfingstrose in solch prächtigen Rottönen blühen würde, weil der Boden mit so viel Blut getränkt ist.

Die beiden befreundeten Schriftsteller und Sprachwissenschaftler Jelena Volić aus Serbien und Christian Schünemann aus Deutschland haben sich gemeinsam die lobenswerten Aufgabe gestellt, die erwähnten Vorurteile wenigstens für ein neugieriges Lesepublikum mit den vielfältigen literarischen Mitteln einer Krimiserie zu korrigieren. Ihre kommerziell bisher allerdings noch mäßig erfolgreichen Romane um die von ihrem deutschen Mann geschiedene, alleinerziehende Belgrader Kriminologin Milena Lukin bieten allerdings nicht nur intelligente und spannende Unterhaltung, sondern dienen gleichzeitig auch als aussagekräftige Sozialstudien und als subtile Werbung für die zu Unrecht unterschätzte serbische Metropole.


Belgrad/Foto: Vlada Marinković


In ihrem nun erschienenen zweiten Roman der Serie mit dem Titel „Pfingstrosenrot“ thematisiert das Autorenpaar ein bis heute ungeklärtes reales Verbrechen, das im Juli 2012 vor allem die serbische Öffentlichkeit erschütterte. Ein altes serbisches Ehepaar, das im Rahmen einer von der EU offiziell geförderten politischen Vereinbarung zwischen Serbien und der Regierung des Kosovo nach Talinovac im Kosovo zurückgekehrt war, war mittels zweier Genickschüsse aus nächster Nähe in seinem nahezu unbewohnbaren Haus regelrecht hingerichtet worden. Wer begeht ein so sinnloses Verbrechen an zwei hilflosen alten Menschen, die sich nichts anderes gewünscht haben als nach einem von Armut, Krieg und Flucht geprägten Leben ihre letzten Jahre in ihrer vertrauten Heimat zu verbringen? Alles scheint für blindwütigen nationalistischen Hass als Tatmotiv zu sprechen – das jedenfalls ist auch Milena Lukins erste Vermutung, besonders nachdem die resolute Kriminologin bei ersten eigenmächtigen Ermittlungen (vor denen sie von ihrem Partner eindringlich gewarnt worden war) im Kosovo von einer entfesselten Menge beinahe gelyncht worden ist.

Wo kommen Sie her?“, fragte Milena?
Kroatien. Operation Sturm. Wir waren unter den 250.000, die damals weg sind. Was ich sagen will: Wir waren alle noch klein, manche von uns vielleicht gerade erst geboren. Trotzdem, ich kann Goran verstehen.“ Sie machte die Augen schmal. „Und wenn ich mir vorstelle, die hätten so etwas mit meinen Eltern gemacht – ich würde durchdrehen. Ehrlich gesagt: Ich bete, dass Goran sie kriegt.“
Wen?“, fragte Milena.
Die Albaner-Schweine!“
Ja, und dann?“
Macht er sie kalt. Was denn sonst?“ Sie zückte wieder ihren Block und wandte sich lächelnd wieder einem der Gäste zu.

Nachdem sie aber die ebenso ehrgeizige wie erfolgreiche Tochter der Ermordeten sowie deren psychisch labilen, gewalttätigen Bruder und dessen langjährige Freundin kennengelernt hat, besonders aber den für die komplizierten Beziehungen zum Kosovo verantwortlichen Staatssekretär, beginnt sie langsam zu argwöhnen, dass möglicherweise ganz rationale Motive in diesem Mordfall eine viel entscheidendere Rolle spielen könnten und sich die Entscheidungsträger der beiden verfeindeten Staaten, wenn es um ihre ureigenen materiellen Interessen geht, womöglich sehr viel besser verstehen als es der äußere Schein nahelegt. Mit Hilfe ihres Gönners, des deutschen Botschafters, verschafft sich Milena Lukin Zugang zu exklusiven Zirkeln des politischen Establishments und stößt dabei auf eine bösartige Intrige, die selbst die Bürokratie der Europäischen Union ins Zwielicht rückt. Als sie sich so tief in den Fall hineinwühlt, dass sie ungewollt selbst in unmittelbare Lebensgefahrgerät, kommt ihr wieder einmal auf unvorhergesehene Art und Weise der Zufall zur Hilfe, diesmal in Gestalt ihrer eigenen Mildtätigkeit: denn wenn eine alte gebrechliche Frau ihre schweren Einkaufstaschen selbst schleppen muss, kann das die großherzige Ermittlerin ebenso schwer ertragen wie die allgegenwärtige politische Korruption, mit der sie sich auf Schritt und Tritt konfrontiert sieht.


Jelena Volić und Christian Schünemann/Foto: Nathan Beck

Während man im ersten Band der Reihe (in dem es vorrangig um serbische Kriegsverbrechen und den Einfluss des Militärs auf die Politik ging) noch deutlich die hohen Ambitionen der beiden Autoren und den Druck des ersten Romans spüren konnte, haben sie im zweiten Band zu einer sehr viel entspannteren Erzählhaltung gefunden, die der ganzen Atmosphäre des Romans ausgesprochen gut bekommt. Die Charakterzeichnung der einzelnen Personen, die Entwicklung ihrer persönlichen Motive sowie die Beschreibung der unterschiedlichen Milieus ist sehr überzeugend und der Leser hat den Eindruck, dass Milena Lukin nun vollends angekommen ist in der internationalen Krimilandschaft. Diese vermag sie mit ihrer authentischen Art, ihrer unverstellten Mitmenschlichkeit und ihrer lebensbejahenden Liebe zum Guten und Schönen (was gutes, deftiges Essen ausdrücklich mir einschließt) ausgesprochen zu bereichern. Der besondere Reiz der Reihe besteht aber eindeutig in der Erschließung eines neuen unverbrauchten Schauplatzes, der den entgegengesetzten Weg geht wie die meisten anderen vergleichbaren Krimiserien. Andrea Camilleri, Donna Leon oder Martin Walker zeigen uns, dass auch an idyllischen Sehnsuchtsorten des deutschen Lesers Verbrechen geschehen können. Jelena Volić und Christian Schünemann beweisen jedoch, dass selbst ein Ort mit schlechtem Image, dessen umfangreiche Probleme wie im Falle Belgrads unbestritten sind, Ort eines süßen Lebens sein kann.

„Pfingstrosenrot“, erschienen bei Diogenes, 356 Seiten, € 22,-